Der erste Tag in Idomeni

Guten Abend aus Polykastro,

es ist 1:30 Uhr Ortszeit und nun kehrt etwas Ruhe ein nach einem sehr intensiven und durchaus aufwühlenden Tag. Und nachdem ich gerade 2 Stunden mit Sotos geredet habe, der 20 Jahre in Deutschland gelebt hat und sehr dankbar war, mal wieder mit einem Deutschen reden zu können. Eins vorweg daher: Sollte das eine oder andere etwas bruchstückhaft rüberkommen, bitte ich das zu entschuldigen. Es ist halt etwas schwierig, alle Ereignisse zu sortieren.

Wir haben heute viel erlebt, viele Menschen, viele schöne aber auch verstörende Bilder gesehen. Wir haben Projekte kennengelernt, von deren Existenz wir vorher nichts gewusst haben. Ich habe auch mit einigen Griechen gesprochen, die zum großen Teil sehr viel Geduld aufbringen für die Situation. Die Situation an der Grenze hat das Leben hier natürlich verändert. Es gibt nicht nur ein Flüchtlingscamp direkt an der Grenze, sondern auch weitere Camps in Polykastro, also ca. 15 km von der Grenze entfernt. Somit in direkter Nähe der Menschen in einer Stadt mit 10.000 Einwohnern. Auch die Anwesenheit der zahlreichen Volunteers, also ehrenamtlichen Helfer, ist nicht zu übersehen. Die Vielfalt ist beeindruckend. An einem Tag haben wir Helfer aus Deutschland, Italien, Spanien, Portugal, der Tschechischen Republik, der Schweiz, England, Schottland oder Wales kennengelernt. Am Morgen haben wir eine Helferin aus Neuseeland mitgenommen nach Idomeni. Die Bilder aus Idomeni sind also definitiv nicht nur in Minden angekommen. Wenn man ein bisschen da ist, lernt man, das alle Organisationen und Helfer sich gut organisieren. Und alle sind hilfsbereit.

Wir sind am Morgen erstmals nach Idomeni gefahren, also in das "Hauptlager". Dort haben wir versucht, uns einen Überblick zu verschaffen. Die Situation dort ist schwer zu beschreiben. Die Menschen leben zum großen Teil in kleinen Zelten. Einige in einem Zug, der dort auf der Strecke nach Skopje steht. Auch direkt an den Bahngleisen leben Menschen in Zelten. Viele Organsisationen sind vor Ort. Die Versorgung ist gegeben. Aber wirklich gut ist so auch, weil eben kleine unabhängige Organisationen dem Angebot Qualität verleihen. Diese Organisationen waren ja auch von Anfang an unser Ziel.

Viele der Flüchtlinge versuchen, den Alltag - so man es denn so nennen kann - positiv zu gestalten. Man sieht mobile Friseure, Kinder spielen auf Feldern und Wegen und auch das Anstehen für Lebensmittel ist natürlich wichtig. Die Menschen sind freundlich, aber man sieht auch Menschen, in deren Augen so etwas wie Hoffnungslosigkeit zu sehen ist. Versucht man, sich in ihre Lage zu versetzen, ist das auch nachvollziehbar. Man muss sich einfach mal vorstellen, wie man sich selbst in einer solchen Situation fühlen würde. Die eigene Heimat wegen Krieg verlassen, auf irgendwelchen Wegen bis nach Griechenland gekommen und dann wartet ein unüberbrückbarer Zaun. Sieht man es von der menschlichen und eben nicht politischen Seite, dann werden Zahlen unwichtig. Man sieht einzelne Schicksale.

Sehr verstörend war dann, dass plötzlich mehrere griechische Kampfflugzeuge direkt und in geringer Höhe über das Camp geflogen sind. Nicht einmal, sondern innerhalb von 30 Minuten fünfmal. Ein anwesender Journalist erklärte mir, dass dies nur Übungsflüge seien. Es stimmt durchaus, dass das Militär hier häufig Übungen durchführt aber man fragt sich schon: Ist das fehlende Sensibilität? Will man nach den Übergriffen seitens der Grenzpolizei aus Skopje ein wenig Macht demonstrieren? Oder geht es nicht doch ein wenig darum, die Menschen hier zu demoralisieren? Denn man muss kein Hellseher sei um zu erkennen, dass der ohrenbetäubende Lärm von Kampfjets gerade für syrische Flüchtlinge traumatische Folgen haben muss.

Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, dass die Stimmung hier tatsächlich kippt. Am Mittwoch wurden erstmals 24 Volunteers von der Polizei festgenommen. Warum? Nun, einer hatte laut Aussagen anderer Volunteers ein Taschenmesser dabei...

Auch wir wurden auf der Strecke von der Polizei kontrolliert. Man hat unsere Pässe mitgenommen und dann entweder im Fahrzeug geprüft oder unsere Namen aufgeschrieben. Der Vorwurf, die letzten Unruhen seien von Helfern provoziert worden, geistert auch hier herum. Wir sind natürlich nicht lange genug hier, um ein valides Urteil fällen zu können, aber es würde mich nicht wundern, wenn auch hier psychologische Spielchen gespielt werden. Gruß an die BILD: redet nicht nur mit der Polizei, sondern auch mit den Helfern ...

Von einem unabhängigen Journalisten erhielt ich - zumindest zu den Vorfällen am Dienstag - ein sehr lapidares Urteil. Im Gegensatz zu dem Versuch am Sonntag, bei dem Hunderte Flüchtlinge durch die Grenze kommen wollten, sei der letzte Vorfall mehr oder weniger ein "Geplänkel" gewesen, bei dem Jugendliche Steine über den Zaun geworfen haben. Die Antwort: Tränengas. Zum Glück diese Mal ohne große Verletzte. Ein Zeichen von Gewaltbereitschaft? Für mich eher ein Zeichen von zunehmender Perspektivlosigkeit. Kleine Randnotiz: mehrere Augenzeugen berichten von Übergriffen seitens der Grenzpolizei in Skopje (man verzeihe mir, dass ich in der griechischen  Region Makedonien aus Respekt den Begriff "Mazedonien" vermeide), die am Sonntag  durchbrechende Flüchtlinge mit Knüppeln zurück auf die griechische Seite getrieben hätten. Trotz dieser eigentlich unfassbaren Ereignisse: Die Stimmung im Camp ist nicht aggressiv! Lasst euch da keinen Bären aufbinden. Aber natürlich kann man sich vorstellen, dass Verzweiflung nicht zwangsläufig zu Resignation führt. Ewig kann es nicht so weitergehen. So viel, wie den Menschen hier auf geholfen wird: Kein Mensch sollte unter diesen Bedingungen leben müssen, nachdem er gerade einem Krieg entflohen ist.

Aber da wir in erster Linie gekommen sind, um zu helfen: Wir konnten heute viel erreichen. So haben wir die Helfer von der IHA getroffen, die ein tolles Projekt gestartet haben. Sie haben am Rande des Camps das Idomeni Cultural Center errichtet, in dem Kinder und Erwachsene unterrichtet werden. Wir werden dort am Freitagmorgen die Rucksäcke verteilen. Unsere Jacken und Schuhe haben wir tschechischen Helfern im "Warehouse" übergeben, die diese in der nächsten Verteilung in den verschiedenen Lagern verteilen werden. Wir haben eine LKW-Ladung Bananen gekauft, die vom Team Banana morgen an die Kinder verteilt werden, gleiches gilt für 400 kg Orangen. Ebenfalls morgen werden wir mit Barry von "Hot Food For Idomeni"'einkaufen gehen. Man errichtet gerade die Möglichkeit, täglich 6.000 Mahlzeiten zu kochen.

Ebenfalls auf der Liste der Projekte: Unterstützung von großen Zelten für Familien (diese "wohnen" immer noch in teilweise viel zu kleinen Igluzelten), sowie Solarleuchten, denn in den Camps gibt es so gut wie keine Beleuchtung. Viele Projekten zielen darauf, nicht nur das "Überleben" zu sichern, es geht jetzt auch darum, das Leben der Flüchtlinge wieder etwas lebenswerter zu gestalten. Es wird also ein ereignisreicher Tag.

Und dann müssen wir auch langsam zurück. Aufgrund der Warnungen, dass die Balkanroute momentan alles andere als angenehm ist, haben wir uns entschieden, auch den Rückweg über Italien anzutreten. Heißt für uns: Freitag 23:00 Uhr geht die Fähre von Igoumenitsa nach Ancona. Geplant ist, dass wir auf dem Weg dahin noch mal im Camp Katsikas anhalten, also dort, wo wir vorgestern Zeugen der Autobahn-Demo geworden sind. Denn dort wird gebraucht, was in Idomeni vorhanden ist: Schlafsäcke und Isomatten. Und die haben wir ja auch an Bord.

Soweit ein kurzer Bericht von heute. Frisch und ungefiltert. Wir werden sicher auf der Rückreise noch viel auszutauschen haben. Für heute war es ein guter Tag. So man es in dieser Situation denn so nennen mag.

Zum Abschluss noch ein schönes Erlebnis. Direkt am Hotel Parkhotel, also dort, wo der zentrale Anlaufpunkt für alle unabhängigen Helfer ist, campieren ein paar Familien. Obwohl wir natürlich eigentlich kein "wildes Verteilen" machen: Hier passte es. Ein kleiner Junge schaute immer mal wieder vorbei. Irgendwann gab Monte ihm einen Rucksack. Der Kleine ist solange damit herumgelaufen, bis er irgendwann auf dem Stuhl eingeschlafen ist und sein Papa ihn "nach Hause" getragen hat. Vielleicht ist das so einer von diesen kleinen Momenten, die ein wenig Hoffnung spenden. Davon gibt es hier sicher viele. Doch am Ende brauchen die Menschen doch vor allem eins: eine echte Chance auf ein neues Leben.

Aber trotzdem: ihr habt geholfen, dass diese Momente möglich werden. Das wissen wir jetzt, da wir wirklich vor Ort sind, noch mehr zu schätzen. Und ich bin sicher, dass die Menschen hier - Flüchtlinge wie Griechen - denn Support der vielen Helfer spüren und zu schätzen wissen.

2:31 Uhr, es wir Zeit. Um 7 Uhr klingelt der Wecker. Gute Nacht!

Andreas

 

 
 
 
 
 
 
 

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