Der Freitag ...

Der letzte Tag in Idomeni und insgesamt in Griechenland war vielleicht der intensivste. Morgens früh auschecken - Danke noch mal an Maria und Gruß an Sotiris - und dann ging es nach einem schnellen Frühstück auch gleich los ins Main Camp nach Idomeni, denn dort wollten wir uns um 9 Uhr mit dem Team IHA treffen, um die Rucksackverteilung im Idomeni Cultural Center vorzunehmen. Auch heute wurden wir wieder von der Polizei kontrolliert. Zusätzlich zu den Pässen wollte man heute auch einen Blick in einen Rucksack werfen. Was suchen die eigentlich? Handgranaten?

Vor Ort trafen wir gleich ein Griechisches Kamerateam, dass Bilder vom Schulbetrieb machen wollte. Sehr bald trudelten nach und nach die Kinder ein, die uns natürlich gleich wieder umringten und feststellen mussten, dass wir alle etwas schwer zum hochheben sind. Die meisten Kinder waren zwischen 4 und 10 Jahre alt. Als erstes stand Sportunterricht auf dem Plan. Wir nutzten die Gelegenheit, um mit spanischen Helfern schnell die Rucksäcke in den Unterrichtsraum für kleinere Kinder zu bringen und mit Decken abzudecken. Es sollte ja eine Überraschung sein. Um 10:30 Uhr kamen die Kinder dann in den Unterrichtsraum. Monte und Peter brachten sich schon mal in Position, ich half bei der Verteilung von Mandarinen und Bananen. Man kann gar nicht oft genug betonen, dass gerade die kleineren Organisationen und Inititiativen darauf achten, dass die Menschen nicht nur irgendwie versorgt werden, sondern - natürlich besonders die Kinder - eine ausgewogene Ernährung und Vitamine bekommen.

Dann war der Moment gekommen. Die syrische Lehrerin erklärte, was nun kommen sollte und dann begann die Verteilung. Die Reaktion war für uns alle berührend. Während in Deutschland sicher die meisten Kinder als erstes die Rucksäcke aufgerissen hätten und den Inhalt inspiziert, hielten die meisten Kinder ihre Rucksäcke einfach nur ganz fest in den Armen wie einen Schatz. Was mag in diesem Moment in den Köpfen der Kinder vorgegangen sein? Was haben Krieg und Flucht mit ihren zarten Seelen angerichtet?

In diesem Moment hat mich die Wucht der Realität mit voller Wucht getroffen. Was ich hier sehe sind keine abstrakten Bilder. Und vor allem sind es keine Bilder, die wir "aushalten lernen müssen", lieber Herr de Maizière. Es sind keine Bilder. Das hier ist echt. Hier leben 12.000 Menschen unter Bedingungen, die menschenunwürdig sind. Und noch viel schlimmer: sie wissen nicht, was sie erwartet. Mit dieser Politik nehmen Sie Menschen die Hoffnung. Ist das Europa? Dann ist Europa gescheitert. Nicht gescheitert ist aber ein Europa der Menschen, die sich nicht mehr einlullen lassen wollen, die sich engagieren wollen, die unter schwersten Bedingungen unglaubliches leisten. So wir hier im Idomeni Cultural Center. Es sind wohl die Menschen selbst, die Europa formen müssen. Hier in Idomeni kann man eben auch sehen, was Menschen erreichen können, wenn sie es wollen. Hut ab vor den vielen ehrenamtlichen Helfern!

Nun hieß es Abschied nehmen vom Idomeni Camp denn am Park Hotel wartete Barry von "Hot Food Idomeni"'auf uns. Die Initiative kocht täglich ca. 4.000 Mahlzeiten und ist natürlich auf Zuwendungen angewiesen. Barry ist ein unglaublicher Typ. Immer gut gelaunt und unglaublich pragmatisch. Aufgrund der großen Mengen, die er benötigt, sind wir mit ihm nach Kiklis zur Metro gefahren. 30 Minuten Fahrt in denen wir viel gelacht und geredet haben. Ja, auch über Gitarren und Verstärker, denn Barry macht wie wir Musik.

Die Details zum Einkauf zu erklären wäre schwierig. Sagen wir es mal so: wenn man für 4000,- € Lebensmittel kauft, dann bekommt man auch einen Kaffee. Marktleiter und Mitarbeiter waren supernett und irgendwann konnten wir beladen - einen Teil ... für den größeren Teil hatte Barry einen LKW besorgt. Dann galt es, auch Barry Tschüss zu sagen. Komm doch mal mit der Band nach Minden, irgendwann.

Nun mussten wir nur noch am Lager am Park Hotel entladen. Und wenn der Zufall es gut meint, dann gibt er alles: gerade wurden die Bananen für das Team Banana angeliefert und wir boten uns an, diese Lieferung zu übernehmen. Es konnten sogar noch mehr Bananen gekauft werden, so dass am Samstag eine zusätzliche Verteilung am "Hotel Eko" vorgenommen werden kann. Hotel Eko ist natürlich kein Hotel, sondern ein weiteres Camp mit ca. 1000 Flüchtlingen an einer Tankstelle, die ein wenig vernachlässigt werden. Kleine Anekdote am Rand: Unser Bananenverkäufer heißt Ioannis Lazaridis und hat vor einigen Jahren in der Handball-Bundesliga bei FA Göppingen gespielt!

Nun blieb nur noch, unseren Bulli an der Küche zu entladen und dann mussten wir uns ganz fix auf den Weg zur Fähre nach Igoumenitsa machen, denn ... wir hatten da noch was vor ...

Auf dem Hinweg waren wir ja in eine Blockade der Autobahn durch Flüchtlinge im offiziellen Camp Katsikas geraten. Nur dadurch haben wir überhaupt von diesem Camp erfahren. Dort hatten wir auch Mimi von Soup & Socks getroffen, die uns von den schweren Bedingungen erzählte. Uns war die ganze Zeit klar: Hier müssen wir etwas tun! Während der Fahrt habe ich Mimi dann angerufen: "Wir haben 30 Schlafsäcke und würden gern noch eine Spende da lassen". Damit hatte man nicht gerechnet :-)

Als wir gegen 18 Uhr ankamen, war gerade Essensausgabe und wir bekamen alle einen Teller syrische Joghurtsuppe mit Huhn in die Hand gedrückt. Lecker :) Und auch einige der Flüchtlinge von der Autobahn trafen wir wieder. Ihr Lächeln zeigte, dass sie uns durchaus wiedererkannt haben. Gut gemacht, Jungs! Wären sie nur 10 Minuten später auf die Autobahn gegangen, hätten wir nichts von ihrer Situation erfahren. Dass die Polizei ihnen anschließend noch ziemlich übel mitgespielt hat, könnt ihr bei Soup & Socks nachlesen.

Das Camp Katsikas ist ein staatliches Camp und wurde vom Militär eingerichtet. Es ist trostlos. Die Zelte wurden einfach auf groben Schotter gestellt. Betten gibt es nicht. Auch nach 3 Wochen schlafen immer noch Flüchtlinge auf dem Boden. Sanitäre Anlagen sind zu wenig vorhanden. Die verantwortlichen NPOs Oxfam und UNHCr kümmern sich nicht wirklich. Soup & Socks sind mehr oder weniger auf sich alleine gestellt. Die Proteste der Flüchtlinge waren also mehr als berechtigt. Wie es scheint, schaut die Welt nur auf Idomeni, weil es zu einem Symbol für die Abschottung Europas geworden ist. Will man aber primär die Lebensbedingungen für Flüchtlinge verbessern, muss man seinen Blickwinkel deutlich erweitern.

Nach einem kurzen Plausch mit Mimi und Flo mussten wir dann leider weiter. Noch 60 km bis Igoumenitsa.

Dort angekommen, wollten wir auch gleich durch die Kontrollen an den Hafen. Doch ohne eine letzte sonderbare Begegnung mit der Polizei sollte es nicht nach Hause gehen. Alle mussten aussteigen und man fragte uns, wo wir herkommen? Aus Deutschland. - Fand er nicht witzig. -  Na gut, Idomeni. - Aha, habt ihr da den Pakistanern geholfen? - ... und schon ging es los. Werkzeugkoffer aufmachen, Knarrenkasten aufmachen ... völlige Willkür. Monte müsste dann alleine reinfahren, Peter und ich sind ins Hafenbüro. Dort dann: Ich brauche alle Pässe. - Aber unser Kollege ist doch bereits am Hafen? - Ich muss den Pass sehen - Ok, wir holen ihn. ... Anruf. ... Monte: "Die lassen mich nicht durch" - Wir von innen zu einem Sicherheitsbeamten, der dann irgendwann doch einsah, dass es mit dem Pass vorzeigen nur gehen würde, wenn er Monte noch mal reinlässt. ...

Nach anstrengenden Tagen lagen erstmals meine Nerven blank. Das musste erst ein Autofahrer spüren,  der mich fast über den Haufen gefahren hat ("Es ist rot, du Idiot!!! Auf Griechisch natürlich ...) und dann noch drei anhängliche Straßenhunde, die meinem "haut ab" tatsächlich Folge leisteten. Sowohl Monte als auch Peter zeigten sich schwer beeindruckt. ;-)

Noch ein letztes Essen, dann durch die Sicherheitskontrolle. Eigentlich easy, aber irgendwie hatte ich wohl noch nicht genug: "Passport!" - "Again?" - "Yes, and again and again and again". Nun hatte ich einen neuen Freund gefunden ... Durch die Sicherheitsschleuse, piiiiiiep, Tasche auch piiiiiiip ...  "Aufmachen! Ist da ein Messer drin?" ... Ich biss mir auf die Zunge. Ich Idiot. Ich hätte mein Taschenmesser besser im Auto lassen sollen. Er misst es ab: "Die Klinge ist zu lang, das ist verboten!" Er hatte mich ... Zumal das Messer ein Geschenk von Monte war ... Ich flehte ihn an, warf mich verbal in den Staub ... er holte schließlich den Supervisor, der sich gnädig zeigte ... Schwein gehabt. Ach übrigens, sowohl bei Pete, als auch bei Monte hat es auch gepiept ... nix mit Kontrolle  ... Man muss halt doch ab und an mal die Klappe halten ...

Und das mache ich jetzt mal. :-)

Gruß von der Fähre nach Ancona

Herr Schoen

 
Idomeni Cultural Center

 

 

Einkaufen mit Barry

 

 

 

 

Früher Handball-Bundesliga, jetzt Obsthandel: Ioannis Lazaridis und das Team Bananas 

 

 

Camp Katsikas und Soup & Socks

 

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